
Björn Siebert & Joscha Steffens
Seventeen Hours of Sunlight
10.01.–07.02.2026
Björn Siebert
Youth Worshippers, 2026 (Aus dem Werkszyklus »Saving Gotham«)
Ca. 120 C-Prints
Björn Sieberts »Youth Worshippers«, hauptsächlich fotografiert zwischen Mai und September 2025,
zeigt in 2 neuen Bildwänden und ca. 120 Fotos eine Erweiterung des Werkzyklus »Saving Gotham«:
auf unzähligen Fotos entfaltet sich eine Welt sommerlicher Selbstinszenierungsdarstellungen junger
Menschen.
Dem gesamten Zyklus liegen Fotosessions zugrunde, die Björn Siebert mit professionellen
Schauspielern und Laiendarstellern über die letzten 4 Sommer hinweg inszeniert hat. Das professionell Inszenatorische seiner großformatigen Langzeit-»Remake«-Serie (2006 – laufend), in der er digitale Amateurfotos aus den Untiefen des Internets minuziös vor der analogen Fachkamera nachbaut, tritt in den Hintergrund, weil hier der Versuch unternommen wurde, multiple, diverse
Kameraperspektiven einzunehmen und sie dadurch als Autoreninstanz auszuschalten. Ständig
scheint sich die Perspektive zu ändern: vom profanen Selfie zum geglückten Porträt, vom
Schnappschuss zur komplexen Inszenierung, vom rein privaten Dokument zum öffentlichen
Profilbild, vom Voyeurismus zur selbstbewussten körperlichen Zurschaustellung. Siebert entwirft in
seinen großen Blöcken eine Grammatik von Bindungen, Verlinkungen oder Gegenkoppelungen von
Mensch, Natur, Umraum, Handlung, Ansprache, Situativität, Distanz und Nähe. Die Genres von
Personenstück, Porträt, Selfie, Akt, Stillleben, Landschaft, gehen frei ineinander über und knüpfen
offene Bezüge zueinander, wodurch die klassischen Grenzen zwischen ihnen aufgehoben werden.
Weder blockieren oder verriegeln Bilderrahmen die Erzählrichtung, noch ist die Lesbarkeit wirklich
klar. Die Wände können linear, von links nach rechts, von oben nach unten oder dem
ausgeklügeltem Raster entsprechend, verflochtend den Bildinhalten folgend gelesen werden.
In »Saving Gotham« 2024 und »Youth Worshippers« 2026 erkundet Siebert zeitgenössische
fotografische Narrative, und spürt den verborgenen Geschichten der Digital Natives nach. Ihn
interessiert das komplizierte Zusammenspiel aus Biografie, Autobiografie, Fiktion und Autofiktion
im Zeitalter der bewussten Selbstdarstellung und Selbstoptimierung, die Komplexität der chaotischen Bilderflut sowie das erzählerische Potenzial von Schnappschüssen und ihre Präsentation auf Social-Media-Plattformen. Ebenfalls interessieren ihn die Mechanismen und Bedeutungs- ebenen, wie wir heutzutage Bilder betrachten und kognitiv verarbeiten, wie wir Zugehörigkeiten und Brüche darstellen, wie wir uns allgemein mit Bildern repräsentieren und darstellen, wie wir uns mit ihnen schmücken, um ein herausgehobenes Bild unseres Selbst zu entwerfen. In »Saving Gotham« und »Youth Worshippers« schafft Siebert eine neue Form der Erzählung, die ohne die hermetisch abgegrenzten Kategorien wie Kunst-, Amateur-, Mode-, Werbe-Fotografie, Begriffe wie inszeniert, dokumentarisch, öffentlich, privat, oder Sujets wie Stillleben, Porträt, Akt, Natur, Interieur, auskommt, sondern darüber hinausgehend, diese sogar alle fließend beinhaltet. Die jeweiligen Einzelbilder werden dabei ihrer singulären Erscheinung enthoben und werden Teil einer großen experimentellen Erzählung. Dies hat zur Folge, dass der Grad zwischen dem Wesentlichen, dem Verdichteten und dem Zufälligen, dem der bloßen Situation Anheim-Fallenden immer schmaler wird. Der Einzelne in seiner Besonderheit ist immer weniger vom Allgemeinen, von den Praktiken und Haltungen seiner Generation zu trennen, obwohl er dies doch eigentlich unbedingt
möchte.
Joscha Steffens
Gamechurch [Cycle I], 2025
Multimedia Installation
2081, 2024
Video (18:40 Min)
In der Installation »Gamechurch [Cycle I]« erzählt Joscha Steffens vom kulturellen Phänomen des Gaming als Plattform für Verbindung, kollektiven Glauben und Transformation. Im Mittelpunkt steht der spekulative Film 2081, der eine Zukunft skizziert, in der Gaming weit über reine Unterhaltung hinausgeht und sich zu einer treibenden und zentralen Kraft in der Gesellschaft entwickelt – zu einer gemeinsamen Mythologie und einem Weg der Erlösung.
Inspiriert von der Grassroots-Online-Bewegung »Gamechurch« und durch Zitate der Spieleästhetik des Videospiel-Klassikers »The Legend of Zelda” entwirft das Werk eine Welt, in der Avatare die menschliche Identität ersetzt haben und virtuelle Quests den Rhythmus des menschlichen Daseins bestimmen. Für die Dreharbeiten wurde extra ein dreitägiges LARP-Event im französischen Elsass inszeniert. Mithilfe von 360-Grad-Footage und filmischer Erzählkunst hält der Film das surreale Eintauchen und Leben innerhalb eines Spiels fest. Die Geschichte folgt drei Elfen und einem Wahrsager auf einer mystischen Reise, auf der sie heilige Gegenstände wiederfinden und den Zusammenbruch ihrer Utopie abwenden müssen.
Joscha Steffens' Multimedia-Installation widmet sich den devotionalen Aspekten der Gaming-Kultur und vergleicht deren Rituale und Gemeinschaften mit religiösen Bewegungen. Aus dieser Perspektive untersucht »Gamechurch [Cycle I]« , wie Spiele zwischenmenschliche Bindungen schaffen, Sinn stiften und gemeinsame Werte fördern. Dabei hebt er die Kraft des Gamings nicht nur als eine Form des Spielens, sondern als eine tiefgreifende kulturelle Energie hervor, die in der Lage ist, Identität zu formen, Solidarität aufzubauen und neue Narrative für eine Zukunft zu bieten.






