
Fabian Lehmann
Cabinet
27.06.–24.07.2026
Wie werden Erinnerungen bewahrt? Und welche bleiben dauerhaft bestehen?
Ein Blick in die Menschheitsgeschichte zeigt, dass Erinnerungen und Wissen über lange Zeit vor allem durch physische Träger bewahrt wurden. Von Höhlenmalereien und monumentalen Bauwerken bis hin zu Büchern und anderen Schriftzeugnissen dienten diese Medien nicht nur als Speicher von Informationen, sondern auch als kulturelles Erbe, das teilweise über Jahrhunderte hinweg erhalten blieb.
Die Bewahrung von Wissen und Erinnerungen scheint sich stetig weiterzuentwickeln und zu optimieren, ein fortlaufender Transformationsprozess, der oft als Fortschritt gesehen wird. Dabei werden ältere Trägermedien häufig durch innovativere Formen ergänzt oder ersetzt und geraten so teilweise in Vergessenheit.
Mit der Digitalisierung hat dieser Prozess in der Gegenwart einen Paradigmenwechsel erreicht: Informationen lassen sich nun in bislang ungekanntem Ausmaß speichern und übertragen, wodurch sich die Bewahrung von Erinnerungen und Wissen zunehmend vom physischen in den digitalen Raum verlagert.
Anders als frühere Entwicklungen der Informationsspeicherung, die sich über Jahrtausende hinweg vergleichsweise langsam vollzogen, schreitet die Entwicklung digitaler Technologien in einem beispiellosen Tempo voran. Technologien, die noch vor kurzer Zeit als innovativ und revolutionär galten, wie CDs, Bluetooth oder DVDs, verlieren innerhalb kurzer Zeit an Relevanz und werden zum Großteil abgelöst. Mit generativer Künstlicher Intelligenz verschieben sich die Maßstäbe erneut radikal und stellen selbst jüngste Technologien in den Schatten.
Fabian Lehmann beobachtet diesen Prozess in seiner künstlerischen Praxis und hinterfragt, ob dieser zwangsläufig auf Verbesserung zuläuft. Ist alles Neue automatisch besser? Ist Komplexität immer hochwertiger als Einfachheit? Übertrifft Hightech natürlicherweise Lowtech?
Er untersucht die vermeintliche Beständigkeit historischer und digitaler Informationsträger, die sowohl von Gemeinsamkeiten als auch Gegensätzen geprägt sind. Beide erscheinen auf je eigene Weise stabil und zugleich fragil: Antike Monumente und andere materielle Medien strahlen Beständigkeit und Stabilität aus, unterliegen aber materiellem Verfall. Immaterielle digitale Medien scheinen davon unabhängig, sind jedoch auf technologische Aktualität, kontinuierliche Pflege und Datensicherheit angewiesen. So stellt sich die Frage, ob das digitale Gedächtnis tatsächlich dauerhaft ist, oder eines Tages ebenso unzugänglich werden könnte wie ein verfallenes Monument.
In seinen skulpturalen Installationen verbindet Lehmann historische Symbolik mit zeitgenössischen Technologien. Fundstücke, industrielle Objekte und historische Formen treffen auf digitale Bildwelten und Fragmente aus sozialen Medien. Zwischen den Materialien gibt es keine Hierarchie: Ein Überbleibsel vom Schrottplatz kann ebenso relevant sein wie ein 3D-Druck oder Artikel aus dem Online-Shop. Durch ihre Zusammensetzung entstehen Spannungsfelder zwischen Vergangenheit und Zukunft, Handwerk und Industrie, Dauer und Vergänglichkeit. Seine Werke wirken zugleich monumental und fragil, elegant und verlassen, melancholisch und humorvoll.
Sie laden auch dazu ein, Erinnerung als Prozess der Auswahl und des Framings kritisch zu hinterfragen: Wer entscheidet, was erinnert wird? Welche Geschichten werden erzählt, welche Perspektiven ausgeblendet? Erinnerung wird stets von Machtstrukturen geformt, die sich mit den Technologen wandeln. Während Archive lange von Institutionen mit klaren Hierarchien verwaltet wurden, übernehmen heute zunehmend digitaler Plattformen mit algorithmische Mechanismen diese Rolle. Sie ermöglichen einerseits einen demokratisierten Zugang zu historischen Informationen und bergen andererseits neue Risiken: Manipulation, Datenüberlastung und die Abhängigkeit des kollektiven Gedächtnisses von wenigen mächtigen Plattformen.
Lehmanns Ausstellung Cabinet vereint Arbeiten aus der Serie (IN)STABILITIES mit bislang unveröffentlichten Werken desselben Werkzusammenhangs. In ihrer Gegenüberstellung entstehen neue Bezüge und Lesarten sowie ein Raum für die kritische Reflexion über Erinnerung. Denn unser heutiger Umgang mit ihr bestimmt, wie wir über Zukunft denken.
Die ODP Galerie lädt herzlich zur Eröffnung am 27. Juni um 16:00 Uhr ein.
**ABB.**
links: Western digital
approx. 10 x 15 X 7 cm
PLA plastic, hard drive, spray paint
2025
rechts: Nebra
20 x 20 cm
PLA plastic, recycled Discman
2025
Foto: Fabian Lehmann
Text: Lena Kerschensteiner
